Historische Harfen
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Hochbrucker: Bilder

 

  

  

  

Harfe SAM 565.
Virtuelle Rekonstruktion

Die Harfe von Jakob Hochbrucker

DIE HARFE

 

Die kleine Einfachpedalharfe mit dem schlanken Korpus wirkt sehr elegant und filigran. Sie hat sieben kurze Stummel-Pedale mit einem raffinierten Feder-Mechanismus, der das Einrasten ermöglicht. Die Ausführung ist von höchster Qualität, was gleichzeitig auch für die äusserst feine und wohl durchdachte Mechanik gilt. Die Harfe ist nur vom Mechanik-Hersteller signiert.
Höhe 1395 mm; 34 Saiten von G1 bis es3; 7 Pedale, Einfachpedalmechanik; 30 Drehkrücken.

 

 

HERKUNFT und ZUSCHREIBUNG

 

Die Harfe wurde mir von einer Privatperson im Februar 1992 verkauft. Es gelang mir jedoch erst 1997, mit der freundlichen Unterstützung von Frau Dr. D. Droysen-Reber, Berlin, den Vergleich mit der Harfe SAM 565 des Kunsthistorischen Museums Wien herzustellen, die mit "Hochbrucker, Donauwörth 1720" signiert ist.

 

 

JAKOB HOCHBRUCKER

 

Jacob Hochbrucker (1673-1763), Bürger im bayrischen Donauwörth, Sohn eines Geigenbauers, baute um 1699 als einer der ersten die neu erfundene Pedalharfe mit anfänglich fünf Pedalen (nach Fétis, Biographie universelle...1839). 1720 wird seine Tretharpfe mit sieben Pedalen allgemein bekannt. Zwei Musiker der Famile Hochbrucker waren für ihr Harfenspiel berühmt und haben auch komponiert: Jakobs Sohn Johann Baptist (z.B. Six Sonates pour la harpe, de Rohan gewidmet, 1762) und Jacobs Neffe Pater Coelestin (z.B. Six Sonates pour la harpe, de la Guiche gewidmet, ca. 1771).

 

Die Erfindung der Pedalharfe wird indessen von einigen weiteren Harfenbauern als die eigene beansprucht. So werden J.P. Vetter aus Nürnberg und Johann Hausen von Weimar genannt, ferner der Deutsche Goepffert (Gaeffre) und der Italiener Petrini.

Die Restaurierung der Hochbrucker-Harfe

ZUSTAND VOR DER RESTAURIERUNG

Die Harfe ist in sehr guter Form, das Korpus schön gerade, die Resonanzdecke ist flach. Die Mechanik bewegt sich leichtgängig auf Pedaldruck. Im Bass sind fünf dicke Darmsaiten moderner Mensur aufgezogen; als Folge ist die Stegleiste aus der Resonanzdecke herausgerissen und zerbrochen. Im Korpusinnern finden sich Spuren eines Versuchs, die Bebalkung zu verändern.
 

HAUPTSÄCHLICHE RESTAURIERUNGS-ARBEITEN

Resonanzdecke: Mein erstes Anliegen gilt der Wiederherstellung der originalen Deckenkonstruktion. Dabei müssen die etwas verunglückten Abänderungen rückgängig gemacht werden. Nach dem Ablösen der Decke werden als erstes die verletzten Rippen nach originaler Manier ersetzt.

Funktion der Mechanik: Die sieben Pedale regieren, verbunden durch Zugdrähte im Korpusinneren, die sieben Züge im Halshohlraum, deren Achsen durch den Hals hindurch an die linke Aussenseite führen. Hier sind die Drehkrücken oder Greifer befestigt, welche die schwingende Länge der Saiten begrenzen.

Signaturen der Mechanik: Auf einem der Züge finde ich die Signatur eines Uhrmachers samt Jahreszahl "G O' do' 1728 L ". Eine weitere Signatur "Blakey" bezieht sich auf den Metallurgen William Blakey, der in Frankreich u.a. Uhrfedern hergestellt und exportiert hat. Die Mechanik wird zwecks Reinigung ausgebaut. Die Umlenkstiften und die Halbtonstiften belasse ich im Holz.

Die Pedale enden als kurze Stummel, die mit den Schuhspitzen bedient werden. Eine federnde Messingzunge, die an das Korpus geschraubt ist, arretiert das Pedal. Drückt die Schuhspitze die Arretierung wieder gegen das Korpus, kann das Pedal zurückgeführt werden.

Besaitung: Ich habe eine schonende Darm-Besaitung rekonstruiert, die der ursprünglichen wohl nahe kommt. Sie hat 1100 N Gesamtspannung bei a1 = 415 Hz in Es-Dur (oder B-Dur). Die untersten vier Darmsaiten sind mit Silberdraht besponnen. Die Temperierung der Harfe lässt sich am ehesten als mitteltönig deuten; ich intoniere mit 1/6 - Komma. Die leichte Besaitung wird nur für seltene Vorspielzwecke gespannt, ansonsten wird die Harfe in entspanntem Zustand aufbewahrt.

Die Hochbrucker-Harfe heute

DER KLANG

Trotz der minimalen Spannung klingt die Harfe überraschend kräftig und hat eine flinke Ansprache. Der Ton ist insgesamt sehr direkt, hell, fast silbrig. Der Bass ist warm und markant.
 

HEUTIGER STANDORT

Die Harfe wurde anfangs 2009 vom Musée de la Musique Paris angekauft (Inv.-Nr. E.2009.1.1) und ist in der permanenten Ausstellung zu sehen und mit dem "audioguide" auch zu hören.

» RESTAURIERUNGSBERICHT pdf

» KLANGBEISPIEL: Nanja Breedijk spielt aus: "Musikalische Rüstkammer auf der Harfe"  mp3

Andere Harfen von Hochbrucker

DIE "ZÜRCHER"-HARFE

Das Museum Bellerive in Zürich bewahrt eine Pedalharfe im Depot auf (Inv.-Nr. 1963-60, 25). Sie ist von genau gleicher Grösse und Bauart wie die oben beschriebene, noch etwas reicher in der Ausstattung mit eingelegten Edelhölzern. Sie ist vermutlich wenig später entstanden, aber gleichfalls nicht signiert.

 

 

DIE "WIENER"-HARFE

Das Kunsthistorische Museum Wien zeigt in ihrer Sammlung Alter Musikinstrumente eine mit "Hochbrucker, Donauwörth 1720" signierte Harfe (SAM 565). Die Korpusschale ist aus sieben Spänen gefertigt, das Deckenholz verläuft horizontal, der Kopf deutet mit seinem Umriss eine Volute an. Damit nimmt Hochbrucker die Gestaltungsmerkmale der späteren, französischen Louis XVI-Harfe vorweg. Die Mechanik ist in gleicher Weise gearbeitet wie oben dargestellt.

 

Die augenfälligsten Unterschiede sind jedoch spätere Zutaten. So ist der Mohr sichtbar grob angepasst und aufgesetzt worden. Ich glaube auch, dass der schwere Pedalkasten (Erard lässt grüssen) mitsamt den aufklappbaren Pedalen eine Zutat des 19. Jh. ist, denn am unteren Korpusrand sind als Indiz sieben verwaiste Schrauben verblieben, welche einmal den Federmechanismus der originalen Stummelpedale gehalten haben. Für die originalen Pedale würde ein dünnes Sockelbrett als Abschluss genügen.

In der linken Spalte, letztes Bild, habe ich diese Harfe "virtuell rekonstruiert" - die kleinen Ausschnitte zeigen den jetzigen Zustand.

 

 

DIE "NÜRNBERGER"-HARFE

Das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg besitzt eine elegante Hakenharfe (MIR 948). Sie ist im Innern mit einem Zettel versehen "hats gemacht / Jacob Hochbruger / burger und harfenist / in Donauwörth / ano 1738".

Leider weiss ich von keiner weiteren Hochbrucker-Harfe, auch habe ich von seinen vielfach zitierten Harfen mit fünf Pedalen nie eine gesichtet.